Boris Cherny sah entspannt aus im Interview. Während er sprach, liefen 10 Hauptagenten und rund 90 Subagenten parallel für ihn. Cherny ist der Erfinder von Claude Code bei Anthropic. Seit November 2025 hat er keine einzige Zeile Code mehr selbst geschrieben. Sein Hauptarbeitsgerät: das Smartphone.
Klingt nach Science-Fiction. Ist es nicht. Es ist die Realität bei Anthropic – und sie kommt auch zu Gründerinnen, Beraterinnen und Selbstständigen. In diesem Artikel zeigen wir, was Cherny tatsächlich macht, was davon für dich relevant ist und wie du als Einzelunternehmer oder kleines Team konkret damit anfängst.
Inhaltsverzeichnis
- Wer ist Boris Cherny – und was macht er anders?
- Die fünf Zahlen, die alles verändern
- Was das für Gründer & Selbstständige bedeutet
- 7 konkrete Workflows für dein Business
- Ein Tag mit deinem 10-Agenten-Team
- Schritt-für-Schritt: So startest du diese Woche
- Risiken, Grenzen und ehrliche Einschränkungen
- Fazit: Vom Macher zum Orchestrator
1. Wer ist Boris Cherny – und was macht er anders?
Boris Cherny ist Creator und Head of Claude Code bei Anthropic, dem Unternehmen hinter dem KI-Modell Claude. Vorher war er fünf Jahre Principal Engineer bei Meta/Instagram und hat das Buch "Programming TypeScript" geschrieben.
Was ihn aktuell so spannend macht: Cherny ist nicht nur Theoretiker. Er nutzt seine eigene Software so radikal wie kaum jemand sonst. Im Interview mit Lenny's Podcast und The Pragmatic Engineer hat er Anfang 2026 beschrieben, wie sein Arbeitsalltag heute aussieht – und der hat mit klassischer Programmierung nichts mehr zu tun.
📌 Der entscheidende Punkt
Cherny schreibt keinen Code mehr selbst. Er orchestriert KI-Agenten, die seine Arbeit erledigen. Genau dieser Rollenwechsel ist das, was bald jede Gründerin und jeden Selbstständigen betreffen wird – egal ob du programmierst, Coachings verkaufst oder ein Café eröffnest.
2. Die fünf Zahlen, die alles verändern
Übersetzt für ein Gründer-Vokabular: Stell dir vor, du bist Beraterin und schaffst plötzlich nicht 3, sondern 9 Mandate pro Woche. Oder du bist Solopreneur und produzierst 10 Angebote, 4 Marktanalysen und 12 LinkedIn-Posts in der Zeit, in der du heute zwei Aufgaben fertigstellst. Das ist die Größenordnung.
Wichtig: Cherny arbeitet hauptsächlich vom Smartphone. Er hat 5–10 Sessions parallel offen und gibt Anweisungen per Voice. Sein Schreibtisch ist nicht mehr der Engpass. Sein Kopf ist es.
Es geht nicht mehr um Deep Work. Es geht darum, wie schnell ich zwischen Kontexten wechseln kann.
3. Was das für Gründer und Selbstständige bedeutet
Die meisten Gründerinnen und Selbstständigen denken bei „KI im Business" an einen Chatbot, der Texte schreibt. Das ist Stand 2023. Cherny zeigt einen anderen Weg: Mehrere Agenten arbeiten gleichzeitig an verschiedenen Aufgaben deines Unternehmens – und du wirst zum Dirigenten.
Deine Rolle ändert sich
Vorher: Macher
- Selbst Recherche machen
- Selbst Angebote schreiben
- Selbst Posts texten
- Selbst Excel-Tabellen pflegen
- Selbst E-Mails beantworten
- Eine Aufgabe nach der anderen
Heute: Orchestrator
- Aufträge an Agenten formulieren
- Ergebnisse reviewen & freigeben
- Strategie & Architektur denken
- Zwischen 5–10 Kontexten wechseln
- Entscheidungen treffen
- Mehrere Aufgaben parallel laufen lassen
Das ist kein "10 % mehr Effizienz". Es ist eine andere Liga. Und der Kostenpunkt ist niedriger als die meisten denken: Ein Claude-Pro-Account kostet etwa 20 Euro im Monat. Für ambitionierte Multi-Agent-Workflows brauchst du Claude Max (rund 200 Euro/Monat) – immer noch günstiger als 0,2 Tage einer Werkstudentin.
4. 7 konkrete Workflows für dein Business
Boris Cherny lässt seine Agenten Software bauen. Du musst keine Software bauen, um die gleiche Logik zu nutzen. Hier sind sieben Workflows, die wir bei Business Start EU oder mit Mandanten bereits testen:
Finanzplan über Nacht
Du gibst Eckdaten ein, mehrere Agenten erstellen parallel Umsatzprognose, Kostenplan, Liquiditätsplan und Sensitivitätsanalyse. Morgens reviewst du Version 1.
Marktanalyse parallel
Drei Agenten recherchieren gleichzeitig: Wettbewerber, Zielgruppe, Trends. Ein vierter aggregiert die Ergebnisse zu einer SWOT-Analyse.
Angebots-Maschine
Aus einer Briefing-E-Mail entstehen automatisch drei Angebotsvarianten (Bronze/Silber/Gold) inklusive personalisierter Begründung pro Kunde.
Content-Skalierung
Ein Master-Dokument zu einem Thema wird in LinkedIn-Post, Blog-Artikel, TikTok-Skript und Newsletter umgewandelt – jeweils mit eigenem Agent.
Kunden-Onboarding
Nach Vertragsabschluss laufen drei Agenten an: Welcome-E-Mail, Notion-Workspace einrichten, Termin-Vorschläge schicken. Du nickst nur noch ab.
Förderantrag-Recherche
Ein Rechercheagent durchforstet Förderdatenbanken, ein zweiter prüft Voraussetzungen, ein dritter erstellt einen Entwurf. Spart Tage.
Wettbewerbs-Monitoring
Wöchentlich scannen Agenten Webseiten, Stellenanzeigen und Social Media deiner Top-5-Wettbewerber und liefern dir Montags ein Briefing.
💡 Tipp aus der Praxis
Fang nicht mit allen sieben Workflows gleichzeitig an. Wähle genau einen, der dich pro Woche mindestens 4 Stunden kostet. Wenn der Workflow läuft, baust du den nächsten. Sonst überforderst du dich – und gibst nach drei Wochen auf.
Wir haben in unserer Beratungspraxis genau diese Methode für die Vorbereitung einer Marktanalyse getestet. Drei Recherche-Agenten parallel: einer für Wettbewerber, einer für die Zielgruppe, einer für Branchen-Trends. Statt der gewohnten 1,5 Tage manueller Vorarbeit lag das Ausgangsmaterial nach drei Stunden auf dem Schreibtisch – mit besseren Quellenangaben als bei der manuellen Variante, weil die Agenten konsequent jede Aussage mit dem Original-Link unterlegen.
— Erfahrung aus dem Heidelberger Büro, Mai 20265. Ein Tag mit deinem 10-Agenten-Team
So könnte ein typischer Tag als Solopreneur oder Beraterin aussehen, wenn du Chernys Methode adaptierst. Realistisch, nicht maximalistisch.
Voice-Briefing am Smartphone
Beim Kaffee öffnest du die Claude-App. Drei Agenten haben über Nacht gearbeitet: Marktrecherche, Angebotsentwurf, Wettbewerbs-Briefing. Du diktierst Korrekturen.
Tiefenarbeit: Strategie & Reviews
Du sitzt am Rechner, machst zwei reine Strategie-Stunden. Parallel laufen 4 Agenten an Kundenaufgaben. Du checkst stündlich kurz die Ergebnisse.
Kunden-Calls – Agenten protokollieren
Während du im Call bist, läuft ein Transkriptions-Agent mit. Direkt nach dem Call erstellt ein zweiter Agent die Action-Items und ein drittes Agent-Team das Folgeangebot.
Content & Marketing parallel
Ein Agent schreibt LinkedIn-Posts, einer erstellt eine Newsletter-Section, einer recherchiert Themen für nächste Woche. Du gibst per Voice Feedback.
Übergabe an die Nacht-Schicht
Du startest 3 längere Aufgaben: Finanzplan-Update, Förderantrag-Recherche, Quartals-Reporting. Die Agenten arbeiten autonom weiter, während du Feierabend hast.
Klingt extrem? Ist es auch. Aber selbst wenn du nur 30 % davon umsetzt, ist das ein Quantensprung gegenüber „Ich kopiere etwas in ChatGPT und warte auf eine Antwort".
6. Schritt-für-Schritt: So startest du diese Woche
Du musst nicht 100 Agenten am ersten Tag betreiben. Boris Cherny hat auch klein angefangen. Hier ist der Pfad, den wir Mandanten empfehlen:
Aufgaben-Audit (45 Minuten)
Liste alles auf, was du in einer typischen Woche tust. Markiere alles, was sich wiederholt oder strukturell gleich abläuft. Das sind deine Agenten-Kandidaten.
Eine Aufgabe als Pilot wählen
Such die Aufgabe mit dem besten Verhältnis aus „kostet viel Zeit" und „ist gut beschreibbar". Klassiker: wöchentlicher Newsletter, Angebotsentwürfe, Recherchen.
Werkzeug einrichten
Claude Pro oder Max anlegen, Mobile App installieren, einen Notion- oder Google-Drive-Ordner als gemeinsame Wissensbasis pflegen. Investition: ca. 1 Stunde plus 20–200 Euro/Monat.
Ein Master-Briefing schreiben
Pro Aufgabe ein klares Briefing: Was ist das Ziel? Welche Quellen? Welcher Tonfall? Welche Beispiele? Dieses Briefing ist dein „Mitarbeitervertrag" für den Agenten.
Klein testen, schnell iterieren
Lass den Agenten 3–5 mal durchlaufen, bis das Ergebnis 80 % deiner Qualität erreicht. Korrigiere das Briefing, nicht das Einzelergebnis. So wird das Ergebnis dauerhaft besser.
Erst dann: zweiten Agenten anlegen
Wenn Pilot 1 läuft, kommt Workflow 2 dazu. Boris Chernys 100 Agenten sind ein Endzustand, kein Startpunkt. Realistisch für Selbstständige: 3–5 Agenten parallel im ersten Quartal.
7. Risiken, Grenzen und ehrliche Einschränkungen
Wir bauen hier kein Werbevideo. Drei Punkte, die du wissen musst, bevor du loslegst:
Qualitätskontrolle bleibt deine Verantwortung
Wenn 10 Agenten parallel arbeiten, produzieren sie auch 10-mal so viele potenziell falsche Ergebnisse. Du brauchst einen Review-Reflex: Niemals etwas an Kunden senden, ohne es vorher gelesen zu haben. Bei Finanzplänen und rechtlich relevanten Dokumenten gilt das doppelt.
Datenschutz & Vertraulichkeit
Kundendaten gehören nicht ungefiltert in eine KI. Pseudonymisiere, was du kannst. Prüfe, ob ein Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) mit dem KI-Anbieter existiert. Für sensible Branchen (Gesundheit, Rechtsberatung, Finanzen) gelten strengere Regeln, die du nicht umgehen kannst.
Lernkurve & Frust-Phase
Die ersten zwei Wochen werden sich anfühlen, als wärst du langsamer. Du beschreibst Aufgaben, formulierst Briefings, korrigierst Ergebnisse. Plane diese Phase aktiv ein. Erst ab Woche drei spürst du den Hebel.
8. Fazit: Vom Macher zum Orchestrator
Boris Cherny ist kein Einzelfall. Bei Anthropic schreibt die Mehrheit des Codes inzwischen Claude selbst. Bei Microsoft, Shopify, Stripe sind ähnliche Zahlen unterwegs. Was 2026 in San Francisco normaler Alltag ist, kommt 2027 spürbar auch im deutschsprachigen Mittelstand und bei Solopreneuren an.
Die gute Nachricht: Du brauchst dafür keinen Engineering-Background. Du brauchst klare Prozesse, gute Briefings und die Bereitschaft, deine Rolle zu verändern – vom Macher zum Orchestrator.
Cherny formuliert es drastisch: Es gehe nicht mehr darum, wie tief du arbeitest, sondern wie schnell du zwischen Kontexten wechseln kannst. Für Gründerinnen und Selbstständige ist das eine der größten Chancen seit der Erfindung des Internets. Und sie kostet weniger als ein durchschnittlicher Werbe-Etat.
Wenn du wissen willst, wie du KI-Agenten in deinen Businessplan, deinen Finanzplan oder deine Marketingstrategie einbaust – sprich mit uns. Wir machen das täglich.
Quellen & weiterführende Links
Alle in diesem Artikel zitierten Aussagen, Zahlen und Zitate sind gegen folgende Original-Quellen geprüft:
- Lenny's Podcast: Head of Claude Code – What happens after coding is solved (Boris Cherny, Feb 2026)
- The Pragmatic Engineer: Building Claude Code with Boris Cherny (Mar 2026)
- Every.to: How to Use Claude Code Like the People Who Built It (Oct 2025)
- Anthropic: Claude Code – Produktseite und offizielle Dokumentation
- Anthropic Blog: Introducing Routines in Claude Code (April 2026)
- Anthropic Docs: Claude Agent SDK Overview